Wenn man sich eine Apokalypse wie „Walking Dead“ ansieht, gibt es immer einen Typen, der völlig durchknallt. Das war ich.

Für Nadiia (28) klingt ihre eigene Geschichte wie ein Blockbuster: „Es ist mir passiert! Mir – mit meinem einst so schicken und bequemen Leben.“

Was soll der Scheiß? Ich lag auf dem Bauch am Boden meines Flurs und betrachtete das Linoleum. Einfache Oberfläche, braun gefärbt, unechtes Holz. Oh Gott, so viel Staub! Ich hätte längst putzen müssen… Ich hatte eine seltsame Sicht auf die Dinge, war erschrocken und neugierig zugleich. Von dieser Position aus musterte ich meine nagelneuen FILA-Turnschuhe, die ich mir so sehr gewünscht hatte. Aus nächster Nähe sahen sie ziemlich groß und massiv aus, leuchtend orange der „Y“-Aufdruck. Es hatte lange gedauert, bis sie aus den USA endlich eingetroffen waren. Und jetzt habe ich sie nicht mal tragen können.

Ich ging in meinem Kopf die Regeln durch, die ich gelesen hatte, um mich auf diese Situation vorzubereiten: Im Falle eines Luftalarms ist der Korridor der sicherste Ort, vergessen Sie nur nicht, die Spiegel von den Wänden zu entfernen! Trotzdem hatte ich keine Ahnung, wie ich mich verhalten sollte. Ich war allein, fünf Minuten lang war es still. Ich hörte nichts von meinen Nachbarn, keine Stimmen, kein Laufen, nichts. Vielleicht ist das nur ein Test? Dann rief ich meinen Freund Alex an, der mir sagte, ich solle aufstehen und in den Keller gehen. Aber ich konnte mich kaum bewegen,

Ich hatte das Gefühl, am Boden zu kleben.

Am Abend vor dem Krieg hatten wir einen großen Streit gehabt, weswegen Alex atok zu seiner Mutter gegangen war. Ich weinte in dieser Nacht und schlief wenig. Als mich am Morgen des 24. Februar 2022 mein Telefon weckte, war ich wirklich mies gelaunt: „Was willst du zu dieser frühen Stunde von mir, MAMA?!“ Ich brauchte keine Sekunde, um mich zu sammeln und aus meinem Bett zu springen. Aus dem Fenster schauend, sah ich Rauch über den Dächern. Totale Stille. Es war niemand draußen, niemand. Keine gewöhnlichen Straßenkehrer, nicht einmal Vögel am Himmel. Es war still. Einfach so.

Mich überkam eine Angst, die ich noch nie zuvor verspürt hatte.

Zum Glück kam Alex sofort zurück, unser Streit war vergessen – in so einem Moment ist alles egal. Gemeinsam versuchten wir, strukturiert und logisch vorzugehen und machten uns auf den Weg zur Apotheke, zum Geldautomaten, später zum Supermarkt… Draußen gab es mittlerweile all diese langen Warteschlangen – enorm! Wir wurden Zeugen einer Apokalypse in den Straßen, niemand hielt sich mehr an Regeln. Die Leute waren desillusioniert, fuhren über rote Ampeln. Alles war chaotisch. Ich sah in völlig verwirrte Gesichter den Eindruck machten: „Okay, alles wird bald vorbei sein!“ Andere konnten nicht glauben, dass der Krieg ernst gemeint war. Ich selbst hatte diese starke Panik; ich konnte mir keinen Reim auf all das machen.

Wenn Sie eine Apokalypse wie "Walking Dead" sehen,  
gibt es immer einen Typen, der völlig durchknallt...
Das war ich.

Ich konnte eine Woche lang nicht schlafen. Ich hatte Angst, nicht mehr aufzuwachen. Ich konnte weder essen noch trinken. Ich habe andauernd unkontrolliert gezittert. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, was wir in diesen Tagen gemacht haben, ich erinnere mich ausschließlich an das Gefühl der Angst. Nach einer Woche überkam mich der Drang nach Sicherheit. Ich wollte instinktiv nur noch weg und fragte meine Mutter um Rat, denn Mütter wissen immer, was zu tun ist – zumindest war das mein ganzes Leben lang so. Aber in dieser Situation antwortete sie erstmals: „Ich weiß es wirklich nicht, Nadiia. Es ist dein Leben.“ Sie wollte keinen falschen Ratschlag zu geben, und plötzlich wurde mir klar, dass ich selbst erwachsen bin. Als ich Anstalten machte, meinen 16-jährigen Halbbruder mitzunehmen, weigerte sie sich. Ich denke, mit einem Kind in der Ukraine und einem Kind im Exil schätzte sie die Chance, dass wenigstens eines überlebt, größer ein.

Ich hatte große Angst zu bleiben.

Ich hatte große Angst zu gehen.

Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, geflohen zu sein.

Meine Eltern trennten sich, als ich nur ein Jahr alt war. Als meine Mutter wieder heiratete, brachte mein Stiefvater auch eine Tochter mit in die Familie, meine Stiefschwester Tatyana (32). Wir teilten uns zehn Jahre lang das Kinderzimmer. Als sie später einen Russen heiratete und nach Russland auswanderte, bekam unsere Beziehung einen Knacks. Sie hat mich zwar eingeladen, sie in St. Petersburg oder Moskau zu besuchen, aber ich lehnte ab. Für mich hat der Krieg zwischen unseren Ländern bereits vor acht Jahren begonnen, verstehen Sie? Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen, und ich habe meinen kleinen Neffen nie im wirklichen Leben gesehen.

Meine Stiefschwester glaubt der russischen Propaganda – ich habe sie am 3. Tag des Krieges in meinen Kontakten gesperrt.

Mein Freund beschloss, mich zur Moldawischen Grenze zu fahren, obwohl es schwierig war, überhaupt Benzin zu ergattern. Wir haben ganz spontan ein anderes Mädchen mitgenommen und sind losgefahren. Ich hatte nur meinen Rucksack dabei, mit Laptop, Kamera und jeder Menge Verbandszeug und Erste-Hilfe-Material. Ich rechnete damit, jemandem den Arm amputieren zu müssen, wenn ich mich auf einem Schlachtfeld wiederfände…

Es war der neunte Tag des Krieges, und niemand war an Straßensperren geschweige denn eine Sperrstunde zur Nacht gewöhnt. Aber die Ausgangssperre hatte bereits begonnen, als wir unterwegs anhielten, um einen ukrainischen Blogpost nach einer Unterkunft zu fragen – im Nachhinein betrachtet etwas naiv. Er gehörte zwar offensichtlich unserem Militär an, aber er war jung und wirkte nervös. Er zog seine Waffe und richtete den Lauf auf Alex‘ Kopf. Ich war wie erstarrt und beobachtete die Situation. Draußen herrschte völlige Dunkelheit, wegen des Krieges mussten nachts alle Lichter ausgeschaltet werden, und alles, was ich sah, war das silberne Glitzern der Waffe. Der Soldat entsicherte die Waffe, er durfte schießen, wenn er auf Menschen traf, die sich außerhalb der Ausgangssperre befanden. Ich hatte solche Angst, dass er meinen Freund vor meinen Augen umbringen würde, und Alex versuchte zu erklären,

„Okay, Bruder, es ist alles in Ordnung, wir sind aus Dnipro…. und suchen nur eine Unterkunft!“

Schließlich beruhigte sich der Soldat und wies uns den Weg zu einer Schulsporthalle, die als Unterkunft für Flüchtlinge dient. Immer noch auf der ukrainischen Seite, aber nahe der Grenze, verbrachten Alex und ich unsere letzte gemeinsame Nacht auf dem Boden der Halle. Ich konnte nicht schlafen, ich zitterte die ganze Zeit vor Stress und Kälte. Wir hatten uns ein Nest als Matratze aus schmutziger, herumliegender Kleidung gebaut. Wir legten unsere Köpfe auf meinen Rucksack – das Unbezahlbarste, was ich dabei hatte. Wir sprachen die ganze Nacht – uA über einen möglichen Atomkrieg und unsere Situation. Wann würden wir uns wiedersehen? Was wäre, wenn wir die Verbindung verlieren würden? Wir berieten auch über einen möglichen Treffpunkt in den Bergen. Bei den etlichen schlafenden Flüchtlingen um uns herum mussten wir sehr leise sein. Dann flüsterte Alex mir ins Ohr: „Willst du mich heiraten?“ Ich sagte: „Ja. Vorausgesetzt, du bleibst am Leben. Und das tue ich auch.“


Interview: Sandy Bossier-Steuerwald. Fotos © Damian Sutmann

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